„Das Haus der Zukunft wird mitdenken, Stromkosten sparen, die persönliche Klimabilanz verbessern, mehr Freizeit ermöglichen und so das Leben insgesamt verbessern“, verspricht ein großer deutscher Energiekonzern mit Blick auf eine Smart-Home-App, die er 2019 auf den Markt bringen will. Auch andere Anbieter entwerfen das Bild der besten aller Welten, in der sich Haushaltsgeräte untereinander austauschen, Einbrecher von künstlicher Intelligenz abgeschreckt werden und Energiekosten wie von Zauberhand sinken.

Erste Überlegungen schon 2005

Was unter dem Stichwort „intelligentes Haus“ – nichts anderes bedeutet Smart Home – propagiert wird, ist indes nicht neu. Schon 2005 demonstrierte die Deutsche Telekom in ihrem T-Com-Haus in Berlin, wie sie sich die vernetzte Welt vorstellte: Mittels eines tragbaren Kleincomputers (Smartphones gab es damals noch nicht) konnten die temporären Bewohner auf Distanz den Backofen einschalten, Jalousien hochfahren und je nach Stimmung eines von fünf verschiedenen Arrangements aus Licht, Klang und Bildern auswählen.

Smart Home auf dem Vormarsch

Jahrelang wurde zwar viel über Smart Home gesprochen, aber nur wenig davon von den Endkunden in Anspruch genommen. Das scheint sich jedoch gerade zu ändern. Laut der „Smart-Home-Studie 2018“ der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte nutzen derzeit in Deutschland immerhin 16 % der Konsumenten zwischen 19 und 75 Jahren Smart-Home-Lösungen. Dabei ist die Quote bei Hausbesitzern (22 %) und Wohnungseigentümern (19 %) deutlich höher als bei Wohnungsmietern (12 %).

Starkes Wachstum des Marktes erwartet

Bei dieser eher schwachen Marktdurchdringung wird es jedoch voraussichtlich nicht bleiben. Das belegt eine Studie von eco – Verband der Internetwirtschaft e.V. und der Beratungsgesellschaft Arthur D. Little. Die Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass der deutsche Smart-Home-Markt bis 2022 jedes Jahr um 26 Prozent wachsen wird. Sollte diese Prognose zutreffen, würde sich der Umsatz mit Smart-Home-Produkten zwischen 2017 und 2022 auf beachtliche 4,3 Milliarden Euro verdreifachen.

Ein Treiber namens Alexa

Dass der Smart-Home-Markt Fahrt aufnimmt, hat mehrere Ursachen. Die wohl wichtigste liegt im Silicon Valley: Mit ihren Sprachsteuerungssystemen Alexa und Google Assistant haben Amazon und Google viel mehr zum intelligenten Heim beigetragen als sämtliche Fachkonferenzen der letzten Jahre. Denn die Internet-Giganten haben damit das auf den Markt gebracht, was vorher fehlte: eine einfache, intuitiv zu bedienende Steuerungszentrale für das intelligente Heim. Parallel zur technischen Weiterentwicklung haben sich Hindernisse, die noch vor wenigen Jahren der Verbreitung von Smart-Home-Anwendungen im Wege standen, in Luft aufgelöst. Aufwendige bauliche Umrüstungen sind heute nicht mehr erforderlich, da eine leistungsstarke Internet-Verbindung für die Anwendung innovativer Funktionen ausreicht. Und auch die Kosten sind rasant gesunken: Smart-Home-Einsteigerpakete sind für wenig mehr als 100 Euro erhältlich. Hinzu kommt, dass Eigenheimbesitzer Fördermittel in attraktivem Umfang beanspruchen können. Die KfW unterstützt Smart-Home-Anwendungen nämlich über die Programme „Altersgerecht umbauen“, „Energieeffizient sanieren“ und „Energieeffizient bauen“.

Nutzen kritisch prüfen

Im Wesentlichen haben Smart-Home-Lösungen drei Anwendungsfelder: Sicherheit, Komfort und Energiemanagement. Gerade der letztgenannte Punkt bietet erhebliche Chancen. Sinnvoll ist zum Beispiel die Funktion, die dafür sorgt, dass beim Öffnen der Fenster der Thermostat abgeregelt wird – denn vielen Menschen dürfte nicht bewusst sein, dass ansonsten der Thermostat volle Leistung bringt, um trotz des Einströmens kalter Luft die Standardtemperatur zu erreichen. Solche und ähnliche Funktionen sparen nicht nur Energie, sondern auch Geld und tragen gleichzeitig zum Werterhalt einer Immobilie bei.
Spannend für Menschen mit körperlicher oder geistiger Einschränkung

Richtig spannend wird es, wenn Smart-Home-Anwendungen körperlich oder geistig beeinträchtigten Menschen das selbstständige Verbleiben in ihrem Haus oder ihrer Wohnung ermöglichen. Die Fachwelt spricht hier von Ambient Assisted Living (AAL). Dazu zählt beispielsweise ein intelligenter Teppich, der mittels Sensoren erkennt, wenn der Bewohner gestürzt ist und nicht mehr aufstehen kann, und dann automatisch einen Notruf absetzt. Nicht nur für Demenzkranke hilfreich ist die Funktion, die dafür sorgt, dass beim Verlassen der Wohnung der Herd ausgeschaltet wird. Ebenfalls der Sicherheit dient ein Leckage-Sensor, der das Austreten von Wasser erkennt und in diesem Fall die Wasserleitung zudreht.

Der selbstbestimmte Mensch

Welche Smart-Home-Funktionen sind wirklich nützlich und welche nur Spielereien überambitionierter Software-Entwickler? Der Eigentümer einer Immobilie sollte sich darüber hinaus fragen, wie weit er zur Preisgabe seiner Daten bereit ist. Denn das Smart Home basiert auf der Vernetzung von Geräten, was ohne Datenaustausch nicht möglich ist. An diesen Daten sind die Giganten aus dem Silicon Valley nicht aus Altruismus brennend interessiert, sondern deshalb, weil Daten die Grundlage ihres Geschäftsmodells sind.

Nicht aus den Augen verloren werden darf das Bedürfnis des Menschen nach Autonomie. In Häusern mit automatischer Be- und Entlüftung, in denen das konventionelle Lüften unnötig ist, kann man immer wieder beobachten, dass die Bewohner trotzdem die Fenster öffnen. Warum also sollen die Nutzer eines Smart Homes dann von einem automatischen, auf künstlicher Intelligenz basierenden Lichtmanagement begeistert sein? Der gute alte Lichtschalter, diese Prognose sei gewagt, wird seine Funktion so schnell nicht verlieren.

Gastbeitrag von Christian Hunziker, freier Journalist